Fandemo in Frankfurt

Getrennt bei den Farben – vereint in der Sache!”

Der Confederations-Cup wird in Frankfurt am Main eröffnet. Der Wettbewerb ist in unseren Augen – in den Augen der wahren Fans -ein perfektes Beispiel für die negativen Auswüchse des modernen Fußball: Vorbote der WM 2006 mit all der Sicherheitshysterie, Testlauf für Totalüberwachungskonzepte und Demonstration einer traurigen Welt voller „flag bearer“, „ball kids“, „player-“ und „coin-escorts“, eine Welt, in der der „Anheuser player of the match“ gekürt wird und Blatter Sepp, Schily Otto und Co. mit aufgesetztem Grinsen Jubel-Trubel-Heiterkeit vorspielen: „Das Geld zu Gast bei Freunden“ eben (…)! Die Emotion muss dabei raus, aus dem Fußball Warenhaus. Das spüren wir alle im Ligaalltag. Eine mündige Fangeneration ist im Begriff sich zu entfalten und gestaltet sich ihre eigene Subkultur abseits der Mainstream-Jugendlichen: Doch haben will man sie nicht. Ist es die Angst vor starken Gruppen, die nicht dazu bereit sind, sämtliche Unarten wie die sinnlosen Verbote, andauernde Einschränkungen und die wachsende Kommerzialisierung ihres Sportes einfach so hinzunehmen? Ein wirkliches Verständnis von Seiten der Vereine ist jedenfalls zumeist nicht da, und von Seiten der Kreisverwaltungsreferate, des Polizeiapparats und der Fußballinstitutionen rund um DFB und DFL schmeißt man der erstarkenden Bewegung ständig Stöcke zwischen die Beine, wohl in Hoffnung diese möge bald „stolpern“.

Falsch gedacht!
Denn zeitgleich zur Kommerzveranstaltung im Quadrat demonstrierten knapp 2000 Fußballfans für ihre fundamentalen Fanrechte. Ein gelungener Aufschrei gegen willkürliche Stadionverbote und den damit verbundenen Missbrauch schützenswerter persönlicher Daten, gegen sinnlose Verbote von Megaphonen, Fahnen und Choreographien unter der Berufung auf aberwitzige Begründungen, gegen Ordnungs- und Sicherheitshysterie in und um die Stadien, gegen Presseberichte voller falscher Behauptungen, Unwissenheit und Lügen, gegen Polizisten, welche die Fans in deren Bereichen schikanieren, die prügelnd durch die Fanblöcke ziehen. Wir kennen das, wir haben das alles schon selbst erlebt: Es sei hier nur mal an das Sommertheater rund um die Vorfälle bei der Meisterfeier 2001, die Regulierung, Schikane & Gängelung, der wir uns alle Spieltag für Spieltag ausgesetzt sehen, den brutalen Polizeieinsatz beim letzten Spiel im Olympiastadion gegen Nürnberg oder an die vielen unberechtigten Stadionverbote (wie zum Beispiel für das Kleben eines Aufklebers!) erinnert, die unsere Gruppe, uns alle, betreffen. Ein beachtliche Zahl an Teilnehmern dafür, dass die Demonstration an einem Mittwoch Abend stattfand und relativ kurzfristig organisiert wurde. Denn konkrete Pläne zur Realisierung wurden erst bei einem bundesweiten Treffen von Vertretern der Ultrà-Szenen geschmiedet, das im Mai ebenfalls in Frankfurt stattfand. An der Demo teilgenommen haben dann Fans von ca. 40 verschiedenen Vereinen, die zumeist den jeweiligen Ultrà-Gruppen zuzuordnen waren. Nach den oben angesprochenen Vorfällen, die sich in den letzten Jahren bei uns in München ereignet haben, war eine massive Beteiligung von unserer Seite Pflicht, denn wer nicht zumindest alles versucht, braucht nachher auch nicht meckern, wenn‘s irgendwann mal keine unabhängige Fankultur mehr gibt oder er weiterhin jedes Wochenende der Arsch ist! Unsere Mobilisierung in München gestaltete sich dann auch tatsächlich erfolgreich: Ein voller Bus aus München sowie die getrennt angereisten Sektionen aus allen Bereichen Deutschlands bildeten letztendlich unseren Demonstrationsblock, der aus ca. 140 Schickeria-Mitgliedern und einigen – viel zu wenigen (ist Euch so eine Sache denn so unwichtig???) – Einzelpersonen anderer Fanclubs bestand.
Im Gegensatz zur Demonstration in Berlin 2002 liefen die Vertreter der einzelnen Vereine analog zum Leitmotto „Getrennt bei den Farben – vereint in der Sache!“ getrennt und klar abgegrenzt in Blöcken. Die vielen verschiedenen, zum Großteil gelungenen Transparente (…) und die gemeinsamen T-Shirts (in der jeweiligen Vereinsfarbe, vorne mit dem Vereinsnamen und hinten mit dem Demomotto beschriftet) haben auch vollends ausgereicht, um die gemeinsame Sache zu betonen. Wir haben diese anfangs eingenommene Trennung bis zum Ende hin beibehalten – Ziel der Demo war schließlich der Kampf für eine gemeinsame Sache, nicht die Verbrüderung von Fan-Deutschland oder unnötiger Kontakt mit Rivalen, was den Sinn der Demonstration mit Sicherheit auch für uns erheblich in Frage gestellt hätte. Leider hatten sich im Vorfeldeinige Gruppen dazu entschlossen, nicht an der Demonstration teilzunehmen. Schade – ein noch gebündelterer Aufschrei wäre ein stärkeres Signal gewesen, und hierbei wäre es auch völlig unerheblich gewesen, ob die entsprechenden Gruppen nun mit 150 Mann oder (auch aufgrund ihrer Größe!) nur mit 20 Vertretern angereist wären. Als Grund für das Nichterscheinen wurde, hauptsächlich von den ostdeutschen Gruppen, neben der mangelnden Identifikation mit den Forderungen (mit Sicherheit treffen manche Dinge wie Stadionverbote, Anstoßzeiten & Totalkommerz die Gruppen in den unteren Ligen nicht in dem Ausmaß, wie uns in der Bundesliga) öfter die mangelnde Ernsthaftigkeit und fehlende Integrität der teilnehmenden Gruppe sowie ein vermeintlicher Konflikt mit dem konsequenten Ausleben von Rivalitäten zu anderen Gruppen angegeben. Doch ist nicht gerade die Fähigkeit, die Rivalität für einen kurzen Zeitraum beiseite zu legen, obwohl es eine „richtige“ und starke Rivalität ist, ein Teil dessen was man als Ultrà-Mentalität (soweit diese überhaupt ansatzweise bei uns in Deutschland vorhanden ist bzw. man sich überhaupt erlauben darf, den Begriff Mentalität zu verwenden!) bezeichnen würde? Ist es nicht ein wenig vermessen, eine Rivalität (die evtl. im Osten kompromissloser ausgelebt wird als anderswo – keine Frage!) glorifiziert vor sich herzutragen und jeden, der für diesen Protest über seinen Schatten springt, als inkonsequenten Pseudo zu belächeln? Wie auch immer die Antworten lauten mögen, es gilt in jedem Fall die Entscheidungen der nicht erschienenen Gruppen zu akzeptieren und die Organisation kommender Proteste (sowohl dezentral als auch zentral durchgeführt!) offener und umfassender zu gestalten – die ersten Schritte in die richtige Richtung wurden unserer Meinung nach getan.
Der Symbolkraft der heterogenen Veranstaltung wurde von unserer Seite im Vorhinein und danach eigentlich am meisten Wert beigemessen. Umso erfreuter war man dann von dem doch recht großen Presseecho. Quer durch die Medien (jeglicher Couleur, sowohl im Boulevard als auch durch Niveaujournalismus!) wurde über die Demo berichtet – und zwar durchweg positiv. Die Öffentlichkeit und die Medien wurden also weiter für die Themen von uns Fans sensibilisiert. Zudem ist ein Treffen zwischen Innenminister Otto Schily und Fanvertretern (BAFF, ProFans, Netzwerk für Fanrechte) wohl auch ein kleiner Erfolg der Demo. Zumindest wurde dort versprochen, ein regelmäßige tagendes Gremium aus Sicherheitsverantwortlichen, Verbänden, Fanprojekten, -beauftragten und natürlich Fanvertretern zu gründen sowie eine Ombudsstelle für Beschwerden gegen Eintragung in die Gewalttäter Sport Datei einzurichten (…).
Dies kann aber lediglich als erster (kleiner!) Fortschritt gesehen werden: Mit Recht dürfen (und sollten!!!) die aktiven Fans die aktuelle Entwicklung mit einem sehr skeptischen Auge betrachten!
Der Weg zu einem Ziel ist immer lang, und meistens ist der Anfang eines Weges meistens nicht gerade der Teil, der am angenehmsten ist, sich am „glorreichsten“ verkaufen lässt – trotzdem muss er aber gegangen werden!

GEGEN WILLKÜR! GEGEN REPRESSION!
FUSSBALLFANS SIND KEINE VERBRECHER!

aus dem “Gegen den Strom” 1-05/06, Ultrazine der Schickeria München

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