Polizeieinsatz in Gelsenkirchen muss Konsequenzen haben

Das Positive vorweg: ProFans dankt dem FC Schalke 04 für die Loyalität gegenüber seinen Fans. Es gibt sicher nicht viele Vereine, die sich derart bedingungslos schützend vor ihre Fans stellen und unabhängig von der öffentlichen Meinung einen Polizeieinsatz verurteilen. Vollkommen zu Recht übrigens, denn der Einsatz der Polizei gegen friedliche Fußballfans hat eine neue Qualität erreicht.

Es ist eine Schande für den Rechtsstaat, was am Abend des 21. August 2013 in der Arena auf Schalke passiert ist. Da befiehlt ein Einsatzleiter, einen vollen Block zu erstürmen, weil dort eine in Deutschland vollkommen legale Fahne hängt. Nämlich die der Republik Mazedonien (von1992 bis 1995), versehen mit der Aufschrift „Komiti Düsseldorf“. Komiti Düsseldorf ist eine Sektion der mit den Ultras Gelsenkirchen befreundeten Komiti Skopje.

Die Fahne habe den Straftatbestand der Volksverhetzung erfüllt, will die Polizei Gelsenkirchen wissen. Begründen kann sie das eigenen Aussagen zufolge nicht, wie eine Sprecherin gegenüber Radio Emscher-Lippe äußerte. Vielleicht liegt das daran, dass der griechische Polizeibeamte, der sich selbst von der Fahne provoziert gefühlt und dies dem Einsatzleiter geflüstert hatte, längst wieder in Nordgriechenland ist. Die Polizei Gelsenkirchen behauptet, die Fahne habe außerdem die etwa 2000 griechischen Fans provoziert, die angeblich damit gedroht hatten, für einen Spielabbruch zu sorgen und die Nordkurve zu stürmen. Dem widersprach ein griechisch-stämmiger Anhänger der Schalker, der vor Ort war, via E-Mail, die ProFans in Auszügen vorliegt. So war zu keiner Zeit ein Platzsturm oder ein Angriff auf die Nordkurve von den PAOK-Fans geplant und die Fahne von Komiti vielmehr vollkommen belanglos. Dies wurde auch in Gesprächen mit PAOK-Fans bestätigt. Das deckt sich darüber hinaus auch mit den Aussagen des Gelsenkirchener Fanprojektmitarbeiters Markus Mau, der laut einem Interview im Gästeblock ebenfalls keine aggressive Stimmung festgestellt hatte.

Einmal davon abgesehen, dass also entweder der griechische Polizeibeamte oder der Einsatzleiter der Polizei Gelsenkirchen die Unwahrheit gesagt haben: Selbst wenn es diese angebliche Ankündigung einer Straftat gegeben hätte, dann hätte diese doch eigentlich dazu führen müssen, die griechischen Gäste von einem Angriff abzuhalten, anstatt Schalker Fans zu attackieren, die sich vollkommengesetzeskonform verhalten haben. Die Vorgehensweise der Einsatzleitung erscheint daher kurios, wenn sie das potenzielle Opfer und nicht den potenziellen Täter belangen will.

Die Hemmungslosigkeit des Einsatzes in der Kurve ist unfassbar. Es kam dabei zu zahlreichen Opfern, die Ultras Gelsenkirchen sprechen auf ihrer Internetseite von mehr als 80 (!) Personen, die behandelt werden mussten. Das Deutsche Rote Kreuz bestätigt dies und widerspricht in seiner offiziellen Pressemitteilung damit den offiziellen Polizeiangaben von „nur“ 30 Opfern von Körperverletzungen durch Polizeibeamte. Mehr als 80 Personen, die durch chemische Kampfstoffe verletzt wurden, weil die Polizeiführung eine einfache Fanclubfahne konfiszieren lassen wollte. Eine junge Frau musste sogar aufgrund des Einsatzes von Pfefferspray (welches übrigens in der Kriegsführung laut Genfer Protokoll verboten ist, gegen Zivilisten jedoch in diesem Land eingesetzt werden darf) auf die Intensivstation eines Krankenhauses eingeliefert werden. Doch nicht nur Fans, die sich an Recht und Gesetz gehalten hatten, wurden attackiert. Auch Sanitäter, die Verletzten helfen wollten, wurden, wie auf Videoaufnahmen zu sehen ist, nicht nur in ihrer Arbeit behindert, sondern selbst ebenfalls Opfer des Einsatzes der Beamten.

Die Legitimationsversuche der Polizei Gelsenkirchen für diesen Einsatz sind untauglich. „Da wird eine angebliche, durch nichts zu belegende, Lebensgefahr herbeigeredet, um die vielen Verletzten als kleineres Übel zu rechtfertigen“, sagt Sig Zelt von ProFans. Es gab auf Schalker Seite keinen Straftatbestand der Volksverhetzung. Zaunfahnen befreundeter Fangruppen aufzuhängen, wenn diese im Stadion anwesend sind, ist das gute Recht jedermanns und besitzen eine lange Tradition, an der sich bisher auch niemand gestört hat.

Wider jedem gesunden Menschenverstand und vor allem auch dem Auftrag der Polizei, hat sie sich zum willfährigen Erfüllungsgehilfen derer gemacht, von denen angeblich Straftaten drohten. Das Vertrauen jedes einzelnen Gelsenkirchener Bürgers und jedes Fußballfans in Nordrhein-Westfalen in die Polizei ist berechtigterweise erschüttert, denn das Beispiel vom 21. August zeigt, wie Polizeieinsatzkräfte völlig unkontrollierte Gewaltorgien an friedlichen Bürgern ausüben können, wenn sich nur eine mehr als fadenscheinige Begründung finden lässt. ProFans Pressesprecher Philipp Markhardt äußerte sich empört: „Es ist der Gipfel der Infamie, wenn Interessenvertreter der Polizei diese Eskalation der Gewalt auch noch gutheißen.“

“Dass in einem westlichen und demokratischen Land ein derartiger Überfall des Staates auf seine Bürger möglich ist, schien bisher undenkbar. Wenn dies ohne einschneidende Konsequenzen bleiben sollte, dann hat nicht nur die Polizei versagt, sondern auch die Politik“, so Philipp Markhardt weiter.

Bis dahin scheint Rainer Wendt, der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, mit seiner Aussage Recht zu behalten, dass es lebensgefährlich sei, in deutsche Stadien zu gehen. „Allerdings geht die
Gefahr für Leib und Leben genau von denjenigen aus, die Deutschlands Bürger eigentlich schützen sollten“, betont Sig Zelt.

ProFans erwartet nicht nur personelle Konsequenzen, sondern eine grundsätzliche Korrektur im Wertegefüge des Polizeibeamtentums, mithin in der Führung der Polizei sowie in ihrer Verantwortlichkeit den Bürgern gegenüber, die sie mit ihren Steuern bezahlen. Die Menschenwürde gibt man am Stadiontor nämlich nicht ab.

Vor allem aber war dieser Einsatz auch ein fatales Zeichen an die deutsche Fanszene, das einer Kriegserklärung gleichkommt. Und einen Krieg will mit Sicherheit niemand in deutschen Stadien sehen.

ProFans, im August 2013

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